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Jüngster Werbestar der DDR Ernährung DDR: Werbegesicht von Milasan kommt aus Döbeln

Von Sebastian Fink 01.06.2017, 11:17
Wer war das Babygesicht auf der Milasan-Packung?
Wer war das Babygesicht auf der Milasan-Packung? Repro/Sven Bartsch

Döbeln/Halle (Saale) - Susan Höhme muss lächeln, als sie die beiden Schachteln aus der Vitrine im Wohnzimmer holt. Mit Fug und Recht kann sie von sich sagen: „Ich war das Milasan-Baby.“

Den aus dem Pulver angerührten Brei schluckte in der DDR fast jedes Kleinkind, ebenso bekannt war das Trockenmilchpulver Babysan, dessen Karton ebenfalls Susans Foto schmückte. Die Milasan-Packung haben ihr die Eltern aufgehoben.

„Die von Babysan hat mir eine Studienfreundin um die Wende herum geschenkt, sonst hätte ich gar keine mehr davon“, sagt die 48-Jährige beim Gespräch am Wohnzimmertisch in ihrem Haus in Döbeln (Sachsen).

Auftritt bei Außenseiter-Spitzenreiter

Auf dem Tisch liegen außerdem großformatige Abzüge des berühmten Fotos im Original sowie Fotos vom Dreh mit Außenseiter-Spitzenreiter-Moderator Hans-Joachim Wolfram. „Das war 1972, ich war vier Jahre alt“, erzählt Susan Höhme.

Damit gehörte sie zu den ersten für die Sendung aufgenommenen Kandidaten, die im selben Jahr Premiere feierte. Zu der Zeit kannte wohl jede Mutter in der kinderreichen DDR ihr Foto. So kam es auch, dass ein Zuschauer der Fernseh-Redaktion die Frage schickte: „Wer ist das Baby auf der Babysan-Packung?“.

Wolframs Team machte sich auf die Suche und bekam den entscheidenden Tipp vom Hersteller, dem VEB Dauermilchwerke Stendal (Altmark). Man wurde in Hartha nahe Döbeln fündig.

Zum Dreh kam Wolfram mit Kamera- und Tontechnikern sowie Puppendoktor-Pille-Schauspielerin Urte Blankenstein, die herzlich mit der kleinen Susan spielte.

Die heute große Susan weiß davon aber nichts mehr. „Ich kann mich gar nicht an den Dreh erinnern, weiß alles nur über die Erzählung meiner Eltern. Ich muss unglaublich viel Glück beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel gehabt haben. Ich habe Hans-Joachim Wolfram ständig rausgeschmissen“, sagt sie und lacht. Dass überhaupt gespielt wurde, lag auch am späten Drehtermin. „Ich war schon müde und die Eltern mussten mich mit dem Spiel wach halten.“

Baby auf Babysan-Packung kommt aus Döbeln

Mit dem Fernsehbeitrag damals wurde auch das Geheimnis gelüftet, wie Baby-Susan Höhme auf den Packungen für Trockenvollmilch (Babysan) und Fertignahrung (Milasan) gelandet war. „Meine Eltern wohnten damals noch bei meinen Großeltern im Bärental bei Döbeln. Im Haus oben drüber wohnte der Fotograf Rolf Paul.

Den haben sie einfach gefragt, ob er Bilder von mir machen würde. Sie mussten das Bild sogar noch mit der Taschenlampe ausleuchten“, gibt Höhme die Erzählung ihrer Eltern wieder. „Ein Bekannter des Fotografen hat das Bild gesehen. Der wusste, dass in Stendal ein Foto für die Packung gesucht wurde. Also hat er das Bild hingeschickt.“

250 Ostmark für Werbefoto für Babysan

In Stendal war man über das hübsche Baby mit dem verschmitzten Lächeln hocherfreut. „Es kam die Anfrage, ob meine Eltern das Bild verkaufen würden. Sie sind nie richtig damit herausgerückt, was sie dafür bekommen haben. Später habe ich herausgefunden, dass sie mir die 250 Ostmark als Sparbuch übertragen haben“, berichtet Susan Höhme.

Außenseiter-Spitzenreiter war eine Institution im DDR-Fernsehen. Am 18. Juni 1972 lief die Kultsendung erstmals über die Bildschirme. Moderator Hans-Joachim Wolfram (1934-2016) war zugleich ihr Erfinder. Zuschauer sandten Fragen ein, die Wolfram und sein Co-Moderator Hans-Joachim Wolle dann mit hintergründigen
Kultsendung

Ein für damalige Verhältnisse stattlicher Betrag - und dennoch aus heutiger Sicht ein Schnäppchen für die Stendaler. Höhme nimmt es gelassen. „Es war ja nicht absehbar, dass das Bild sich bis zur Wende millionenfach verkauft“, sagt sie.

„Hans-Joachim Wolfram hatte meinen Eltern damals versprochen, uns eine Kopie des Beitrags zu schicken. Die ist aber nie gekommen“, sagt sie. Das hat Wolframs Nachfolgerin Madeleine Wehle nun nachgeholt. Erst im Februar war das Kamerateam der heutigen MDR-Sendung „Außenseiter-Spitzenreiter“ in Döbeln zu Gast und überbrachte das Band mit den Originalaufnahmen. Diese hatte Susan Höhme selbst erst vor zehn Jahren das erste Mal gesehen, als der RBB einen Beitrag über sie gedreht hatte, doch auch damals war kein Band zu bekommen. Diesmal sahen sich Susan Höhme und ihre Eltern den Beitrag gemeinsam an und durften auch eine Kopie fürs Familienarchiv behalten.

Mdr besucht Milasan-Werbegesicht in Hartha

Die Ausstrahlung der Sendung am 9. März sorgte für ein großes Hallo am Harthaer Martin-Luther-Gymnasium, wo sie heute als Lehrerin arbeitet. „Ich hatte nichts verraten, aber es gibt doch einige der Eltern, die MDR schauen.

Eine Woche vorher lief schon die Ankündigung im Fernsehen. Ein Schüler schickte es dann per Whatsapp herum“, erzählt Höhme. Das musste im Unterricht erst mal ausgewertet werden - mit positivem Echo. „Die Schüler sagten, ich wäre ein sehr niedliches Kind gewesen“, freut sich die Lehrerin.

Ein bisschen Rummel um die eigene Person alle paar Jahre nimmt Susan Höhme gern in Kauf. Den beim Mensch-ärgere-dich-nicht so oft gefoppten Hans-Joachim Wolfram hatte sie sogar für einen weiteren Fernsehauftritt 1979 wieder getroffen. „In die Sendung ,Mit Lutz und Liebe„ waren er und ich eingeladen. Wir durften ein Playback auf Monika Herz und Rainer Süß singen, da wurde extra ein Babylied drauf gedichtet“, erzählt Höhme.

Werbegesicht von Babysan wurde selbst mit Babysan gefüttert

Die damals Elfjährige brachte den Moderator bei der Aufnahme in Chemnitz noch einmal etwas in Verlegenheit: „Er hatte seinen Text nicht gelernt und ich wollte ihm helfen, wurde aber mehrfach ermahnt, dass ich nicht bei seinen Textzeilen mitsingen soll“, erinnert sie sich und lacht wieder. Sie selbst wurde übrigens noch von ihrer Mutter mit Babysan gefüttert – und welches Kind kann schon behaupten, auf der Verpackung des eigenen Essens abgebildet zu sein? (mz)