Dorfladen Dorfladen: Tante Emma lebt
Schönstedt/Halle (Saale)/MZ. - Mario Jünge steht hinter einer Ladentheke an der Kasse. Vor ihm eine junge Frau mit Kind. In ihrem Einkaufskorb liegen Äpfel, Schoko-Riegel, Eier und Windeln. "Ist dies alles", fragt Jünge. "Noch ein Kaffee zum Mitnehmen" sagt sie. Ein ganz normaler Einkauf. Selbstverständlich ist dieser nicht.
Es war ein grauer Tag im März vorigen Jahres als der letzte Lebensmittelladen in Schönstedt seine Türen schloss. Für den Thüringer Ort mit 1 200 Einwohnern war das ein herber Verlust. "Es gibt bei uns viele ältere Menschen, die kein Auto haben. Sie sind auf einen hiesigen Markt angewiesen", sagt Matthias Reinz. Der ehrenamtliche Bürgermeister suchte nach Alternativen - und fand eine: das "Lädchen für alles".Die Handelskette Tegut aus dem hessischen Fulda hat ein deutschlandweit einzigartiges Konzept entwickelt, das den Tante-Emma-Laden in neuem Gewand in kleine Orte zurückbringt. Nach Worten von Vorstandschef Thomas Gutberlet soll das "Lädchen für alles" die Grundversorgung in strukturschwachen Regionen ermöglichen, in denen es sonst keine Geschäfte mehr gibt. "Wobei wir nicht in Orte gehen, sondern in Orte gerufen werden", sagt Gutberlet. Bevor einer Ansiedlung zugestimmt werde, müsse geklärt werden, wie die Dorfbewohner dazu stehen.
Wie in Schönstedt: Bürgermeisterin Reinz wendete sich an den Tegut-Vertrieb. Dieser prüfte den Standort, sprach mit dem Gemeinderat - und gab dann grünes Licht. Schönstedt sanierte auf eigene Kosten für 50 000 Euro einen Anbau am Feuerwehrhaus, in den dann im November 2011 der selbstständige Kaufmann Mario Jünge mit dem "Lädchen für alles" einzog. Der Name ist Programm: Auf 200 Quadratmeter werden rund 2 500 Artikel angeboten. Milch und Gemüse kommen aus der Region. Doch nicht nur das: Wer Pakete aufgeben oder etwas reinigen lassen will, kann zu Jünge kommen. "Wir liefern die Waren auf Wunsch auch nach Hause", sagt der Unternehmer. Beliefert wird er wiederum von Tegut.
Der Unterschied zu anderen Händlerkonzepten besteht laut Tegut darin, dass die Handelskette die komplette Laden-Ausstattung finanziert und ihr bis zum Verkauf alle Waren gehören. Damit sollen zwei Hürden für Dorfläden beseitigt werden. "Viele kleine Händler haben aus Kostengründen ein zu schmales Sortiment. Zudem ist die Anschaffung etwa von Kühltruhen teuer", sagt Tegut-Projektleiterin Manuela Herz. Für Jünge liegen die Vorteile auf der Hand. "Die Waren sind bei mir nicht teurer als im Supermarkt." Für das Inventar, das 180 000 Euro gekostet hat, zahlt er eine Art Miete. Im Sommer 2010 startete Tegut mit über 300 Märkten in sechs Bundesländern das erste Lädchen. Bis Ende 2011 waren es elf weitere, in diesem Jahr sind 15 in Hessen, Thüringen und Rheinland-Pfalz geplant.
Handelsexperten sehen trotz der Dominanz von großen Supermärkten und Discountern eine Chance für Tante-Emma-Konzepte. "Die Menschen werden älter, sie sind nicht mehr so mobil. Die kleinen Läden können durch ihre Nähe punkten", sagt Susanne Eichholz vom Institut für Handelsforschung in Köln. Es gebe bundesweit neben Tegut mehrere Anbieter wie Rewe, Markant oder Edeka, die auch Konzepte für ländliche Regionen entwickelt haben. So betreibt der zweitgrößte deutsche Lebensmittel-Händler Rewe in Deutschland 900 sogenannte Nahkauf-Läden in Dörfern. "Wir wollen die Zahl der Standorte ausbauen", sagt Unternehmenssprecher Reimund Esser. Auch er sagt, die Verbraucher suchten Läden in ihrer Nähe. Ob damit der Vormarsch der Großmärkte und Discounter gestoppt ist, bleibt offen. "Zumindest zeigt sich, dass die Discounter nicht mehr so schnell wachsen wie noch vor Jahren", so Eichholz.
Bei Jünge in Schönstedt hat sich das Geschäft positiv entwickelt. Fünf Verkäuferinnen arbeiten mittlerweile in Teilzeit in dem Laden. "Ich kenne 90 Prozent aller Kunden", sagt eine Verkäuferin, die in dem Ort wohnt. Gerade ältere, alleinstehende Frauen seien sehr dankbar dafür, dass sie nun wieder in Schönstedt einkaufen könnten. Ein Selbstläufer ist aber auch das Lädchen nicht. "Wir müssen schon noch einige Kunden überzeugen, damit alles rund läuft", sagt Ladenbesitzer Jünge. "Es könnte etwas mehr sein", betont auch Bürgermeister Reinz. "Denn das Lädchen ist ein wichtiges Argument, um auch junge Familien im Ort zu halten oder hierher zu holen."