Ausbildung Ausbildung: Thüringer Firmen klagen über Nachwuchsmangel
Erfurt/dpa. - «Mit 300freien Lehrstellen sind nach Beginn des aktuellen Ausbildungsjahres im August doppelt so viele Plätze wie 2008 unbesetzt geblieben», sagt der Ausbildungsleiter der Industrie- und Handelskammer (IHK) Erfurt, Mario Melle in einer dpa-Umfrage. Der Rückgang trifft besonders die Branchen mit abschreckenden Arbeitszeiten und niedrigen Löhnen. «DieKonkurrenz um Auszubildende nimmt spürbar zu. So hat ein abgelegener Betrieb dem neuen Lehrling sogar ein Moped geschenkt», sagt Kersten Mey von der IHK Südthüringen.
Schwindende Schülerzahlen machen sich im gesamten Freistaatbemerkbar. «Wir warten nicht mehr darauf, dass Bewerber sich bei uns melden, sondern stellen uns auf den Schulhöfen vor», erzählt Ellen Mangold von der Handwerkskammer Südthüringen. Sie beklagt, dass viele Schüler Vorurteile gegen Handwerksberufe hätten nach dem Motto: Bäcker müssen um drei Uhr früh aufstehen und Friseurinnen zwölf Stunden durcharbeiten. Ähnliche Erfahrungen machen Betriebe des Ostthüringer Handwerks: «Die Schulabgänger drängen in kaufmännische Berufe oder in die Industrie, das Handwerk hat es schwerer», sagt Kammersprecher André Kühne.
Die Liste der Fleischereien, Tischlereien und Baufirmen rund umGera ist lang, die seit Anfang August Lehrlinge suchen. Knapp 50Plätze bietet die Kammer in Gera jetzt noch an. «Da nicht alle freienStellen bei uns registriert sind, gehen wir von unbesetzten Plätzenim deutlich dreistelligen Bereich aus», berichtet GeschäftsführerHans Joachim Reiml. Selbst bei einst beliebten Berufen wie Kfz-Mechatroniker oder Friseur gebe es noch freie Stellen.
«Für Jugendliche spielt die Bezahlung mittlerweile eine größereRolle bei der Lehrstellensuche», ergänzt Mario Melle von der IHKErfurt. Stärkere Konkurrenz um den Nachwuchs sorge für höhereGehälter. Mehr Geld als Anreiz für fähige Lehrlinge ist aber nichtalles: Auch mit der Aussicht auf eine Festanstellung ködere manch einBetrieb den Nachwuchs, berichtet Melle.
Viele Personalleiter und Chefs müssen außerdem ihre Ansprüche andie Bewerber überdenken. «Leistungsschwächere Schulabgänger habenmittlerweile viel bessere Chancen, einen attraktiven Beruf zuerlernen», erklärt Kersten Mey. Gleichzeitig blieben im Hotel- undGaststättengewerbe die Ausbildungsplätze unbesetzt, die mit langenArbeitstagen oder Schichten am Wochenende einhergehen. Diese Branchenhatten während des Überangebots an Schulabgängern vor rund fünf biszehn Jahren noch keine Probleme.
Gesucht werden außerdem Oberflächenbeschichter, Floristen,Mechatroniker, Feinmechaniker, Einzelhandels-Kaufleute und - vorallem in Erfurt - IT-Elektroniker und IT-Systemkaufleute. Vor allemfür anspruchsvolle Ausbildungen müssten die Schulabgänger jedochentsprechende Noten mitbringen. «Denn heute ist zum Beispiel dieLehre zum Metallarbeiter viel komplexer als vor 50 Jahren.» DieKammer setzt dem Bewerberrückgang daher eine Imagekampagne entgegen,um geeignete Jugendliche rechtzeitig für Handwerksberufe zubegeistern.
Wo sich nicht die idealen Bewerber vorgestellt haben, gehenBetriebe laut Melle notgedrungen Kompromisse ein: «Die aufwendigereBetreuung jüngerer Lehrlinge mit Real- oder Hauptschulabschluss wirdin Kauf genommen», berichtet der Ausbildungsleiter der IHK Erfurt.Alle Kammern rechnen damit, dass sich die Zahl der Jugendlichen, diedie Regelschule mit Abschlusszeugnis verlassen, bis 2011 halbiert.Dem Südthüringer Experten Mey fällt deshalb noch eine andere Lösungein, um dem Fachkräftemangel vorzubeugen: "Womöglich müssen wirfähige Auszubildende aus dem osteuropäischen Ausland anwerben".