Arzneiproduktion in Bitterfeld Arzneiproduktion in Bitterfeld: Schmerzmittel bereiten Freude
Bitterfeld/MZ. - Bis Mitte der 90er Jahre hatte der Bayer-Konzern sein weltweit bekanntes Schmerzmittel Aspirin an elf Standorten Europas produziert. Heute geschieht das allein in Bitterfeld. Am Montag gab es im zehn Jahre alten Tablettenbetrieb ein Jubiläum besonderer Art.
Bittere Pillen schlucken zu müssen, davor sind Politiker nicht gefeit. Jene Tablette aber, die Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Horst Rehberger am Montag bei Bayer Bitterfeld überreicht bekam, nahm er freudig entgegen. Es war die 25milliardste am Standort produzierte Tablette. Für den FDP-Politiker ist diese "runde Sache" Sinnbild für die Gesundung der ganzen Region.
Der Arzneimittelbetrieb ist wesentlicher Teil der Erfolgsstory, die der rheinische Chemieriese an seinem ostdeutschen Standort geschrieben hat. Dabei hatte sich die Führung des Leverkusener Unternehmens eigentlich darauf festgelegt, in Spanien zu investieren. Georg Frank, Geschäftsführer der Bayer Bitterfeld GmbH, erinnerte gestern daran. "Nach dem Mauerfall haben wir uns aber anders entschieden."
Rehberger lobte dies als "Wagnis". Eine solche Produktion, in der penibel auf Hygiene geachtet wird, ausgerechnet in eine Region zu geben, die durch Orte wie den Wolfener Silbersee zum Inbegriff für Umweltfrevel geworden war, habe Signalwirkung für andere Investoren gehabt. Und so dazu beigetragen, dass das Chemiedreieck wie Phönix aus der Asche entstanden sei.
Der Bitterfelder Tablettenbetrieb, laut Frank der weltweit größte des Konzerns vor jenem in den USA, ist so ziemlich das Modernste, was die internationale Pharmabranche zu bieten hat. Wie von Geisterhand gesteuert gleiten türkisfarben-lackierte Transport-Fahrzeuge fast lautlos durch die klimatisierte Reinraum-Halle.
Sensorbestückt und mit Funkmechanismen ausgestattet, schaffen diese Roboter auf Computer-Click alles heran, was in den Fertigungslinien benötigt wird. Rohstoffe, Kartonagen, Verpackungsmaterial. Ebenso zuverlässig bringen sie die frisch produzierte Ware ins Lager. "Ohne diese stets dienstbaren Gehilfen würde es bei uns nicht so gut rollen", sagt Jürgen Wetzel, Chef des Tablettenbetriebes.
Seit dem Start 1995 sind die Produktionszahlen rasant gestiegen, belegt die Bayer-Statistik. Wurden 1996 noch 1,6 Milliarden Tabletten pro Jahr produziert, so sind es heute vier Milliarden. Das Schmerzmittel Aspirin macht mit 80 Prozent den Löwenanteil aus. Das restliche Fünftel entfällt auf die Magenmittel Talcid und Alka-Seltzer. Wo immer in Europa, und teilweise auch in Amerika und Asien, eine Tabletten-Schachtel mit dem Bayer-Kreuz über die Apotheken-Tresen geht, hält der Patient mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Präparat aus Sachsen-Anhalt in Händen. Für Helga Keller aus Dessau ist es ein "tolles Gefühl, etwas herzustellen, was anderen Menschen hilft". Die Anlagenfahrerin, die zu DDR-Zeiten in der Magnetbandfabrik Dessau gearbeitet hatte, hätte sich nie träumen lassen, einmal solch weltbekannte Medikamente zu fertigen.
Auch ihr Kollege Uwe Konieczky, ein ehemaliger Kraftfahrer aus Muldenstein, steht exemplarisch dafür, dass von den rund 300 Beschäftigten des Tabletten-Betriebes die meisten aus der Region kommen. Annett Weikert aus Bitterfeld, die als Disponentin für den Materialfluss zuständig ist, denkt noch immer voller Schrecken daran zurück, wie ungewiss ihre Zukunft nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes in der Filmfabrik gewesen war. "Das hatte mir schon erhebliche Kopfschmerzen bereitet. Mit der Anstellung bei Bayer waren sie wie weggeblasen", sagt die Mutter zweier Kinder heute.
Jubiläen dieser Art rufen stets auch Extrem-Statistiker auf den Plan. Einer von ihnen fand heraus, dass die bisher in Bitterfeld hergestellten Tabletten ausreichen würden, die Einwohner Sachsen-Anhalts 100 Jahre von Kopfschmerzen zu befreien. Das löste einiges Schmunzeln aus. Wohl in der Überzeugung, dass es dazu noch vieler weiterer Investitionen bedarf. Vor allem auch vom Format Bayers.